Mit Ausbruch der Psychose 1987 hatte ich als Künstlerin einen Durchbruch erlebt, die Bilder flossen mit einer ungeheuren Leichtigkeit aus mir heraus. Alle Bilder aus dieser Phase sind auch inzwischen verkauft. Dann, mit Beginn der Neuroleptikatherapie, verschwand meine künstlerische Befähigung total. Auch hier erarbeitete ich mir in den 10 psychosefreien Jahren eine Grundlage. Ich nahm am Kunstwettbewerb "Zeige deine Wunde" teil und zwei meiner Bilder kamen in die Ausstellung.
Anrufung
Dies war das erste Bild, das ich in der Klinik malte.
Die Person schaut nach innen und streckt nach außen die Hand um Hilfe aus. Ich empfand die ersten Tage in der Klinik als "ausgebremst werden". Ich wurde zunehmend dünnhäutiger und einige Ungerechtigkeiten verletzten mich zutiefst.
Die Psychose schaut der Person über die Schulter
Ich spürte deutlich, daß sich die Psychose nähert, hoffte aber noch, daß sie aufhaltbar sein würde. Inzwischen bekam ich zusätzlich noch ein Medikament zum Schlafen dazu, aber viel zu wenig, und meine Nächte verbrachte ich immer noch eher herumgeisternd als schlafend.
Der Weg
Ich sah in diesem Bild Anima in Gestalt dieses sehr liebevoll schauenden Tieres, wie sie Helle in die dunkle Höhle von Animus bringt. In dem Kopf sah ich auch das abgeschlagene Haupt von Johannes dem Täufer. Ich verstand das so, daß der Verstand aus seiner Machtposition kommen muß, damit das Gefühl Raum bekommt. Auf dem Bettpfosten daneben schaut der zukünftige Mensch zu. Dies gab mir sehr viel Hoffnung. Ich konnte die Zukunft schon erkennen und sah, es wird gut ausgehen.
"So müde"
Dieses Bild entstand nach weiteren schlaflosen Nächten. Ich spürte meinen Geist, der alles kontrollieren musste und nicht loslassen konnte. Den Weg kannte ich ja nun aus meinem Bild: der Verstand sollte sich neu zuordnen. Mein Geist war jetzt bereit, loszulassen. Er wollte Vertrauen fassen, die Kontrolle aufgeben, die Dinge geschehen lassen und einschlafen. Aber er konnte nicht weichen. Da sprach es in mir: "spring aus dem Fenster, dann ist Ruhe". Angst stieg in mir auf, Angst vor dem Kontrollverlust. Ich wandte mich an die Schwestern in der Erwartung, ein Medikament gegen die Angst zu bekommen. Aber eine Schwester setzte sich zu mir und begleitete mich durch die Angst. Sie machte eine Art Sterbebegleitung für den Geist, der nicht loslassen konnte. Eine ihrer Fragen war, ob es hier noch etwas gäbe, was ich noch erledigen müsse. Dies konnte ich verneinen. Meine Familienangelegenheiten waren geordnet, der kranke Sohn betreut und auch die Hunde gut untergebracht. Durch die Begleitung der Schwester hatte ich den Mut ganz in die Tiefe zu gehen, dorthin, wo das Problem war. Allein hätte ich mich dort nicht hingetraut.In dieser Nacht spürte ich, ich verliere mich. Dies sagte ich noch, dann habe ich kein Bewusstsein mehr für das, was geschah. Meine Zimmernachbarin sagte mir später, ich sei im Zimmer herumgeirrt. Aber da war mein Körper ohne mich, wie ein Schlafwandler vielleicht. Am nächsten Morgen wachte ich in mir auf und war psychotisch.
Wächter der Unterwelt
Ich hatte noch einige Male Angstanfälle, aber ich hatte keine Angst mehr vor der Angst. Durch dieses eine Mal, wo die Schwester mich durch die Angst hindurchgeführt hatte, hatte ich erlebt, daß ich die Angst überstehen kann. Die Angst kam dann erneut, als ich völlig die Orientierung verlor und im Chaos versank. Aber es war wie mit dem Schwimmen. Man taucht unter und man taucht wieder auf. Die Orientierung kam von selber wieder. Ich erlebte, daß ich die Angst vorbeiziehen lassen kann, wie jedes andere Gefühl auch. Und ich erlebte, daß ich das Chaos nicht fürchten muß, man taucht von selber wieder auf. Diese Lockerheit im Umgang mit der Angst verdanke ich der Schwester, die mir statt eines Medikamentes Begleitung gab.
Der Geist löst sich
Hier hat das Tier die Augen geöffnet. Das Tier erlebte ich als mächtigen Schutzgeist, der mir hier im Bild signalisiert, daß er mich sieht und leitet. Der Geist, der sich da von der kauernden Figur löst, hat einen doch recht stabilen Fuß am Boden, was ich sehr beruhigend fand. Er scheint Kontakt zu einem größeren Geist außerhalb zu suchen.
Kontakt
Ein einsames Menschlein in einem Luftschiff mit weißem Segel begegnet einem Wal. Dieses Bild zeigt für mich den Kontakt mit meiner Seele an. Die Seele erschien mir in Gestalt eines Tieres, aber das Tier ist nur ein Bild, damit ich nicht erschrecke.
Kathedrale
Ich bemerkte, daß ich am Begriff der Matrix festhing und rief einen guten Freund an, der mich darauf hinwies, wieder offen werden zu müssen. Er machte mich mit dem Gedanken vertraut, daß Systeme leicht geöffnet sein sollten und geschlossene Systeme wahnhaft werden können. So verstand ich ihn jedenfalls. Ich nahm mir daraufhin Mandalabilder vor, die es in der Ergotherapie gab. Ich folgte dem Mandala eine Weile und fing dann an, es zu öffnen, als es mir zu rigide erschien. So entstand dieses Bild.
Spiralmandala
Auch dieses Bild entstand aus einem vorgegebenen Mandala, dem ich eine Weile folgte, um es dann zu öffnen und etwas Eigenes entstehen zu lassen. Mit diesen Bildern kehrte ich mich vom Wahn ab und sie waren mir auch Hinweis, wie feste Regeln und Raum für Individualität zusammen wirken sollten.
Bewußt - Unbewußt
Hier malte ich mir ein Bild vom Verhältnis des Bewussten zum Unbewussten. Das Unbewusste, das da ganz zufrieden träumend sitzt, hat eine blaue Hand. Dies bedeutet für mich, daß dort die Kunst entsteht. Durch den Vogel, der den Geist darstellt, sind die beiden Bewusstseinsteile miteinander verbunden.
Das Einhorn und der kleine König
Mit diesem Bild verdeutlichte ich mir, daß Gut und Böse im gleichen Objekt sein können. Wenn man genau hinschaut, sieht man, daß im Einhorn auch ein Teufe stecktl.
Der große und der kleine König
Mein Therapeut forderte mich auf, einfach zu bleiben. Daraufhin malte ich dieses Bild. Der große sieht aus wie ein Esel und der kleine König weist den Weg.
Eva und Peter Pan
Dieses Bild zeigt Eva in einer Verführungssituation etwa so wie der Psychosebetroffene von der Psychose verführt werden kann. Allerdings scheint Eva hier bei sich zu bleiben.
Psyche und Satyr
IIn diesem Bild malte ich den Psychiater als Satyr. Ich erlebte ihn als einmal eine Teufelsgestalt, die mich bedrohen kann, andererseits auch als ein Wesen, das Schutz gewähren kann. Der Satyr dieses Bildes schaut recht freundlich und bietet der Psyche doch eher Schutz als Bedrohung..
Eingang zum Paradis
Dieses Bild entstand als letztes Bild in der Klinik, als die Psychose schon eindeutig zuende war.
Portrait mein schizophrener Sohn
Dieses Bild entstand dann schon wieder zu Hause. Ich habe diese letzten 2 Bilder hier miteingefügt, um zu zeigen, daß im Malerischen eine Kontinuität über die Psychose hinausging.
Unter der Abschirmung durch ein neues Medikament erlebte ich Psychose anders als frühere Psychosen. Mir zerbrach diesmal die Wirklichkeit nicht vollständig, die psychotischen Phänomene hielten sich in Grenzen und ich konnte das Geschehen malerisch begleiten. Die künstlerische Sensibilität wurde nicht zugemauert, sondern blieb mir erhalten auch über die Psychose hinaus. Diesmal kam ich bereichert aus so einem psychotischen Geschehen, auch wenn es streckenweise sehr schmerzhaft war.
Ich wurde mir nicht fremd, ich blieb ich. Auch nach außen wurde ich als die gleiche erlebt, egal ob psychotisch oder nicht. Ich erlebte, auch in früheren Psychosen schon, mein Ich wird nicht krank. Da ist ein Ort in mir, wo ich die Krankheit beobachte, sie erleide und mein Handeln planen kann. Auch andere Betroffene beschreiben diese Insel der Gesundheit in der Psychose. Ich bleibe in der Verantwortung für mich, was auch bedeutet, daß ich kranke Ich-Funktionen durch andere überbrücken lasse. Z.B. habe ich mich immer wieder an das Pflegepersonal gewandt, wenn ich mir über die Realität nicht mehr im Klaren war.
Immer wieder sagen Betroffene, daß die Psychose der Versuch ihrer Seele sei, ihnen etwas mitzuteilen, sie auf einer tiefen Ebene heil werden zu lassen. Dazu braucht der Betroffene eine Abschirmung, die durchaus auch medikamentös sein kann, die aber so behutsam sein sollte, daß der Kontakt mit der Seele und ihren schöpferischen Kräften nicht abgebrochen wird.
Heute denke ich, daß die Psychose beides sein kann, ein Versinken im Chaos oder ein innerer Weg. So kann sie sowohl als unsinnige Krankheit empfunden werden, als auch als Neuorientierung.
Zum Schluß noch einige Strategien, die mir im Ungang mit der Psychose geholfen haben, damit ich sie als inneren Weg erleben konnte:
- Medikamente als Hilfe unserer Kultur für diese Bewusstseinslage annehmen.
- Beobachten, wo sich Gedanken verfestigen, auf Offenheit achten.
- Sich malerisch oder schreibend durch die Psychose hindurchbegleiten.
- Gedanken aussprechen, um sie relativieren zu können. Viele Psychotiker machen den Fehler, daß sie ihre Gedanken mit sich spazierentragen, aber nicht aussprechen. Damit werden sie unkorrigierbar und die Gedanken bekommen eine riesige Macht
- Bereit sein, alle Erkenntnisse wieder loszulassen
- Angst, Chaos und Orientierungslosigkeit nicht bekämpfen, sie gehen von selber wieder vorbei, wenn man sie einfach geschehen lässt.
- Aufmerksam und offen sein für Hilfe von außen. Das sind zufällige Erlebnisse in diesem Bewusstseinszustand.: z.B. ein Freund, der einen Hinweis gibt, eine Schwester, die einen begleitet, ein Arzt, der das richtige Medikament ansetzt...
- Versuchen, die Phänomene mit Worten unserer Kultur zu beschreiben. Also lieber ich begegnete meinem Unbewussten, als ich begegnete dem großen Geist.
- Die Krankheit als Weg zu einer umfassenderen Gesundheit annehmen.


















